21 Oktober 2019

Pimax und Schnurrhaare

Am Nachmittag treffe ich den Nachbarjungen im Treppenhaus. Er hat gerade den Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt.
Maximilian-Pinocchio, ich muss kurz mit dir reden, sage ich zu ihm.
Ich heiße Pinocchio-Maximilian, kannst Pimax zu mir sagen, antwortet er. Ich nehme ihn mit in unsere Wohnung. Taliban, der schon an der Tür wartet, faucht, als er meinen Gast sieht und hüpft auf den Wohnzimmerschrank. Wir setzen uns an den Esstisch.
Was zu Trinken, frage ich ihn.
Nö, ist noch zu früh, antwortet er.


Wie alt bist du eigentlich, frage ich ihn und schalte den Fernseher an.
Zehn.
Hör zu, sage ich, wir finden es toll, dass du Schlösser knacken kannst, aber wir möchten, dass du nicht mehr bei uns einbrichst. Ist das OK für dich?
Nö, sagt er. Ich muss üben und ihr habt ein tolles Schloss.
Und das mit Taliban, fahre ich fort, solltest du auch bleiben lassen. Katzen mögen es nicht, wenn man ihnen etwas an den Schwanz bindet.
Echt jetzt, fragt er erstaunt. Aber sie schnurrt doch immer.
Das ist kein Schnurren, das ist Knurren.
Echt jetzt?


Ja, sage ich. Wenn man einer Katze Gewichte an den Schwanz bindet ist das, wie wenn… ich suche nach einem Vergleich, … wie wenn… mir fällt nichts Passendes ein, … wie wenn …dir jemand …die Haare ausreißt.
Haare ausreißen! Das ist eine gute Idee, ruft er begeistert. OK, ich lass das mit den Gewichten. Dafür reiße ich ihm die Schnurrhaare aus. Darf ich?
Nein, rufe ich lauter, als ich wollte.
Pimax macht ein angesäuertes Gesicht.
Was würden deine Eltern sagen, frage ich ihn, wenn sie wüssten, was du mit unserer Katze machst?
Nix.
Das glaube ich nicht. Der Kleine blufft, denke ich.
Ist aber so.
Sind sie zu Hause? Ich möchte ihn ein bisschen unter Druck setzen.
Nö, die kommen erst abends.
Ich glaube, ich sollte mal mit ihnen reden. Jetzt setze ich ihm die Pistole auf die Brust, denke ich.
OK, sagt Pimax ungerührt. Kann ich jetzt gehen? Ich war nämlich gerade dabei, die Fahrstuhlsteuerung mit meinem Handy zu verbinden.
Völlig entmutigt lasse ich ihn gehen, hocke mich vor den Fernseher und schaue Bares für Rares.
Später Nachmittag. Schatz kommt nach Hause. Sie hat eine neue Kaffeemaschine gekauft.
Schau, sagt sie, ist die nicht geil?
Ich betrachte mir das Ding. Es ist rot und funktioniert mit Kapseln.
Dachte du wolltest keine Kapselmaschine mehr.
aAber die war so schön. Und sie passt so gut in unsere Küche. Das tiefdunkle rot zu der grauen Front. Sieht doch toll aus, oder?
Und der Abfall?
Man muss eben Abstriche machen, murrt sie.
Dachte, wir wollten ökologischer leben.
Mein Gott, dann drehen wir die Heizung etwas runter oder fahren weniger Auto. Du bist sowas von ideologisch. So ein richtiger Ökospießer! Man muss ein bisschen flexibel denken.
Aber diese Maschine hat fünf Knöpfe.
Ist trotzdem einfach zu bedienen. Der Verkäufer hat es mir gezeigt. Du musst nur auf diesen Knopf hier drücken… oder war es der? Egal. Man muss einfach die Gebrauchsanweisung lesen. Da steht alles drin. Ihr Männer seid so unselbständig.
Ich zucke resigniert die Achseln.
Und du, hast du mit dem Jungen geredet?
Ja.
Und?
Ich denke, wir sollten den Fahrstuhl nicht mehr benutzen.


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Simon Wald © 2019. All rights reserved.

Verfasst 21. Oktober 2019 von simon in category "Satire", "Schatz und ich

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