27 September 2019

Leben, Abführmittel und der ganze Rest

Später Nachmittag. ARD bringt Brisant. Tod, Unfall, Verbrechen. Mein Finger zuckt nervös auf der Fernbedienung. Schatz arbeitet heute länger. Ich hab mir einen kleinen Imbiss gemacht. Brot mit Wurst. ZDF. Werbung für Abführmittel. Guten Appetit! Gleich im Anschluss, Pillen gegen Demenz. Ist das hier ein Programm für Altenheime? Ich schalte um zu den Privaten. Da läuft gerade ein Spot für eine neue Darth-Vader-Figur. Ist der nicht in Star Wars 6 gestorben? Egal! Ich höre Geräusche. Entweder ist es Schatz oder der Nachbarjunge, der in letzter Zeit immer unser Schloss knackt. Hat er sich durch ein You-Tube-Video selbst beigebracht. Ich tippe erneut auf die Fernbedienung. Eine Serie. Da ist ein schwuler Schwarzer zu sehen. Schwarzer? Sagt man noch so, oder ist das diskriminierend?

Jemand setzt sich neben mich. Also war es Schatz, die die Tür hereinkam. Der Nachbarjunge setzt sich nämlich nie auf das Sofa, der bindet immer Bleigewichte an den Schwanz unserer Katze. Sie verhält sich in letzter Zeit ziemlich eigenartig. Der Nachbarjunge auch. Ich schalte zurück zu ARD. Werbung für Mittel gegen Durchfall. Schatz hat mir einen Begrüßungskuss auf die Wange gegeben und fragt, was gerade so läuft.

Nix, sage ich und schalte durch.

Schatz steht auf und geht in die Küche. Ich schaue kurz zu ihr.

Neues Kleid, frage ich.

Nee, stammt von unserem letzten Urlaub in Thailand, sagt sie. Ach ja, ich erinnere mich. Da läuft gerade eine Dokumentation über den Transport eines Flugzeugs.

Kommt heute nicht der Film mit dem Dings, ruft sie mir aus der Küche zu.

Welchen Dings, frage ich.

Na der Dings, der auch in dieser Serie mitgespielt hat, wo sie sich gegenseitig immer die Köpfe abschlugen. Ich weiß nicht, wen Schatz meint und schalte weiter, da der Flugzeugtransport durch Werbung unterbrochen ist. Schatz kommt zurück, pflanzt sich neben mich auf das Sofa. Sie isst den Rest vom Salat, den wir gestern vom Italiener geliefert bekamen. Italiener? Sagt man noch so oder ist das diskriminierend?

Willst du, fragt sie mich.

Nein.

Da beschimpfen sich gerade zwei übergewichtige junge Frauen. Läuft nix anderes, fragt Schatz. Nee. Es piept mehrmals. Die Tür, denke ich. Ich stehe auf und sehe nach. Es steht niemand vor der Wohnungstür. Auch über die Sprechanlage kommt keine Reaktion. Schatz hat die Fernbedienung und schaltet durch.

Wollten heute nicht Gabi und Frank kommen, fragt sie mich.

Keine Ahnung antworte ich und setze mich wieder auf das Sofa. Wir sind befreundet mit Gabi und Frank, glaube ich. Schatz ist bei einem Shopping-Kanal hängen geblieben. Kleider, die dünn machen.

Toll, sagt Schatz.

Brauchst du nicht, sage ich.

Danke, sagt sie. Sauteuer, die Dinger, denke ich. Sie schaltet weiter.

Die größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Pompeji ist gerade dran. Liegt im Mittelfeld auf Platz 6. Schatz tippt auf die Fernbedienung. Wieder streitende Übergewichtige. Es piept erneut. Das kam aus dem Fernseher! Deshalb stand vorhin niemand an der Tür. Wir beobachten eine Weile das Treiben der Streithammel, dann beschließt Schatz, eine Vorabendserie zu schauen. Es läutet an der Tür. Diesmal wirklich. Gabi und Frank kommen die Treppe hoch. Sie haben eine Flasche Wein dabei. Hatten wir sie zum Essen eingeladen, frage ich mich und schaue in den Kalender meines Smartphones. Da steht gar nichts drin. Sie kommen ins Wohnzimmer. Nachdem Schatz sie begrüßt hat, setzen sie sich auf das zweite Sofa.

Gut, dass wir es vor der Tagesschau geschafft haben, meint Frank. Da kommt hinterher ein Krimi, sagt er, den sie nicht versäumen wollen. Ich biete beiden etwas zu trinken an. Wir nehmen den Wein, den sie mitbrachten. Immer noch überlege ich, ob wir sie nicht zum Essen eingeladen hatten. Ein Blick zu Schatz. Sie wirkt gelassen. Das beruhigt mich. Sie ist sehr gewissenhaft darin, unsere Termine in ihren Kalender einzutragen.

Frank, der inzwischen die Fernbedienung an sich genommen hat, schaltet aufs Erste. Gerade noch rechtzeitig zur Börse vor Acht. Schatz erkundigt sich bei unseren Gästen, wie es ihnen geht. Gut, ist die Antwort, und euch?

Auch gut, sage ich. Schatz nickt zustimmend. Tagesschau. Dann der Krimi. Ich suche derweil die Funktion, mit der ich in meinem Handy Termine eintragen kann. Der Wein ist sauer. Ich bekomme Sodbrennen. Mir fällt eine Werbung im Ersten ein. Haben wir so etwas im Haus? Schatz ist immer sehr darauf bedacht, dass unsere Hausapotheke gefüllt ist. Ich gehe ins Badezimmer und schaue nach. Wir haben Abführmittel und… Kapseln gegen Demenz? Wieso denn das? Salbe für Gelenkschmerzen. Tabletten bei Durchfall. Und hier, endlich, ein Gel zum Einnehmen gegen Sodbrennen. Ich nehme gleich zwei Beutel. Schmeckt gut, das Zeug. Besser als der Wein. Gabi hat sich inzwischen hingelegt. Mit dem Kopf in Franks Schoß. Schläft. Er selbst stemmt noch tapfer seine Augenlider nach oben. Schatz hat gerade ihr Glas mit Wein gefüllt und prostet mir zu. Der Krimi ist… kompliziert. Ich habe keine Ahnung, wer für die Serienmorde verantwortlich sein könnte. Schatz kuschelt sich an mich. Sie ist betrunken. Das macht sie nämlich nur dann. Die Flasche ist fast leer. Ich überlege, ob ich eine Zweite hole. Aber Frank winkt ab. Der Krimi ist fast vorbei. Der Mörder ist jemand von der Polizei. Frank weckt Gabi. Sie sagt, es wäre ein toller Film gewesen. Schatz und ich nicken. Unsere Gäste bedanken sich und gehen.

Wollen wir noch einen Spielfilm streamen, fragt Schatz. Ich stimme zu und wir schauen die Kategorien durch. Es fallen uns verschiedene Filme auf, die wir mal wieder anschauen wollen. Wir setzen alles auf unsere Watchliste. Irgendwann merken wir, dass schon nach Mitternacht ist. Wir raffen uns auf, gehen ins Bad und legen uns hinterher ins Bett.


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Simon Wald © 2019. All rights reserved.

Verfasst 27. September 2019 von simon in category "Aus dem Leben", "Schatz und ich

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