26 Mai 2020

Fotoabend mit Heino (14)

Fotoabend bei Iris. Wir stehen vor der Tür. Iris öffnet und winkt uns herein.

Kommt schnell, raunt sie, bevor uns die Nachbarn sehen.

Wieso?, fragt Schatz.

Die schauen sehr genau hin, wieviele Leute zu mir kommen.

Privatpartys sind doch nicht verboten, werfe ich ein.

Das sag mal meinen Nachbarn. Kommt endlich.

Wir treten ein.  

Gabi und Frank sind schon da, sagt Iris. Ich überreiche ihr einen Blumenstrauß, den wir eben an der Tankstelle gekauft haben.

Iris bedankt sich und sagt: Die kommen bestimmt aus Marokko. Da werden Felder bewässert, nur um Blumen für uns zu züchten.

Wir schweigen.

Mein Bruder ist hier, sagt Iris.

Wusste gar nicht, dass du einen hast, sagt Schatz.

Er ist krank.

Covid-19?

Nein, Heino ist psychisch krank.

Heino? Bei dem Namen hätte ich auch einen an der Klatsche, denke ich.

Wir treten ins Wohnzimmer. Klein mit riesigem Fernseher. Wir werfen ein Hallo in die Runde. Gabi und Frank tummeln sich auf der Couch und grüßen zurück. Ein junger Kerl sitzt auf einem Holzstuhl, kerzengerade. Das muss Heino sein.

Heino beachtet uns nicht.

Das ist bei ihm normal, sagt Iris. Er hält nichts von Höflichkeitsfloskeln.

Gabi und Frank tragen Schutzmasken passend zur Kleidung. 

Schick, sage ich.

Selbstgenäht, sagt Gabi.

Sieht man, sagt Schatz. 

Sehr praktisch, tönt Gabi stolz. Ich habe einen Schlitz eingebaut. Dann braucht man sie beim Trinken und Essen nicht abzunehmen.

Und man kann sie als Serviette benutzen, fügt Frank hinzu.

Cool, sage ich.

Lecker, meint Schatz. Irgendwie ist sie heute gereizt.

Es sind noch zwei Sessel frei, auf die wir uns setzten. 

Was wollt ihr trinken?, fragt die Gastgeberin.

Erdbeerbowle, ruft Frank und lacht.

Sehr witzig, murrt Iris, die nur ungerne an ihren Aussetzer an Silvester erinnert wird.

Wir einigen uns auf Grüntee mit Ingwer. 

Möchtest du auch Grünen Tee?, fragt sie ihren Bruder.

Grüntee ist stark mit Pestiziden belastet. 

Das ist Bio-Tee.

Die Belastung bei Bio-Tee ist fast genauso hoch, bei manchen Sorten sogar höher, als bei konventionellem Anbau. 

Was möchtest du dann?

Wasser.

Ich hole dir eine Flasche Mineralwasser.

Leitungswasser. Mineralwasser hat kaum einen Vorteil gegenüber Leitungswasser. Im Gegenteil, man hat in einigen Flaschen eine starke Keimbelastung nachgewiesen.

Na gut, dann hole ich dir Leitungswasser.

Iris wirkt leicht angenervt, als sie in der Küche verschwindet. 

Liegt wohl in der Familie, raunt mir Frank zu.

Wenn du so auf Bakterien achtest, warum hast du dann keinen Mundschutz, Heino?, frage ich.

Schutzmasken sind Schmutzmasken. Die schaden mehr, als sie nutzen. Sie sind innerhalb kurzer Zeit mit Viren und Bakterien versetzt und außerdem greift man sich ständig ins Gesicht, um sie zurechtzurücken. 

Gabi und Frank werfen sich einen irritierten Blick zu.

Wir schauen auf den Fernseher. Dort läuft gerade die Tagesschau. Die üblichen Nachrichten: Corona. Sperrungen, Verbote, neue Fälle. 

Iris kommt mit einem Tablett zurück. Sie verteilt Tassen und gießt jedem einen Tee ein. Ihrem Bruder gibt sie ein Glas Wasser in die Hand. Er trinkt es in einem Zug aus.

Schön, dass ihr es geschafft habt zu kommen, sagt sie. 

Wir hatten es ja nach Silvester versprochen, sagt Frank. Kannst du dich nicht mehr erinnern?

Immer muss er sticheln, denke ich.

Iris schaut verlegen in die Runde, sagt aber nichts. 

Silvester ist lange her, grätscht Schatz dazwischen, um die Stimmung zu retten. Jetzt freuen wir uns auf deine Fotoshow.

Fotoshow, murmelt Iris, wie aus einem Traum gerissen. Klar, wollen wir anfangen?

Allgemeines Kopfnicken mit einer Enthaltung – Heino.

Iris steckt in ihren Fernseher den USB-Stick und dunkelt den Raum ab.

Es erscheint das Gesicht von Iris vor einer Palme. 

Das war auf Sri Lanka, erklärt sie. Nun erschein ihr Gesicht vor einem großen Felsberg.

Das war in Sigiriya einer alten Ruinenstadt. 

Ihr Gesicht vor einem Tempel.

In dem Tempel wird der Eckzahn von Buddha aufbewahrt. 

Ihr Gesicht vor einer wilden Landschaft.

Da war ich im Yala-Nationalpark.

Ihr Gesicht vor einer riesigen Buddha-Statue.

Ein Höhlentempel, sagt sie. 

So geht es mit hunderteinundsechzig Bildern weiter. Schatz starrt abwesend vor sich hin. Ich knabbere Dinkelplätzchen, die Iris auf den Tisch gestellt hat. Frank und Gabi kuscheln auf dem Sofa. Heino schaut  auf den Fernseher.

Ich hoffe, es hat euch gefallen.

Toll, sagt Frank.

Beeindruckend, murmelt Gabi.

Super, sage ich. 

Nett, sagt Schatz.

Da ist ja immer nur dein Gesicht zu sehen, meint Heino.

Klar, murrt Iris ihn an, wessen Gesicht denn sonst?

Selfies sind Ausdruck von einer sich ausbreitenden Egozentrik in unserer Gesellschaft. Das Individuum glaubt, indem es sich immer wieder selbst fotografiert, an Bedeutung zu gewinnen. 

Quatsch, giftet Iris.

Es ist langweilig, immer nur dein Gesicht zu sehen, sagt ihr Bruder. 

Du bist nur neidisch, weil du nicht verreist, brüllt sie ihn an.

Warum sollte ich verreisen?

Um deinen Verstand zu erweitern? Um andere Kulturen kennenzulernen.

Man lernt eine Kultur nicht in drei Wochen kennen, in denen man im Hotel mit den eigenen Landsleuten wohnt und ab und zu eine Busfahrt ins Umland macht. Um eine Kultur kennenzulernen, muss man viele Jahre in einem Land leben. 

Meinen Freunden hat es jedenfalls gefallen, knurrt sie, wie ein Hund mit Knochen.

Sie sind höflich, antwortet Heino. Iris ist außer sich. Ich warte darauf, dass sie ihm eine Ohrfeige gibt. Doch sie beherrscht sich. 

Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, mit so einem Kerl aufzuwachsen, grummelt sie. 

Allgemeines Achselzucken.

Kein Wunder, dass aus mir eine Emanze wurde.

Ist doch eine gute Sache, die Emanzipation, sagt Gabi.

Es gibt keine Emanzipation, widerspricht Heino. Die Frauen haben lediglich die Werte und Vorstellungen der Männer übernommen. Emanzipation wäre es, wenn sie die weiblichen Prinzipien in die Gesellschaft einbringen würden. Stattdessen setzten sie sich dem Konkurrenzkampf aus. Als emanzipiert gilt heute eine Frau, die männliche Werte erfüllt.

Was weißt du schon von Emanzipation, winkt Iris ab.

Ich weiß zumindest, dass die Emanzipation von den neoliberalen… Heino hält mitten im Satz inne. Er schaut auf seine Armbanduhr.

Es ist einundzwanzig Uhr siebenundvierzig. Zeit für mich ins Bett zu gehen.

Echt jetzt, fragt Frank. Warum gerade um die Zeit?

Ich benötige drei Minuten um die Zähne zu putzen, zwei Minuten um zu pinkeln, zwei Minuten mich umzukleiden und sechs Minuten um einzuschlafen. Der erholsamste Schlaf findet zwischen zweiundzwanzig Uhr und sechs Uhr statt. 

Er steht von seinem Stuhl auf und geht ins Bad.

Ziemlich direkt, dein Bruder, meint Frank zu Iris.

Ja. Das kann schon nerven. 

Zumindest kann er genau begründen, weshalb er etwas tut, sage ich.

Das vermisse ich bei dir manchmal, flüstert Schatz in meine Richtung.

Er ist sehr sachlich, stimmt mir Frank zu.

Hängt mit seiner Krankheit zusammen, sagt Iris.

Bei den momentanen Diskussionen, würde man sich mehr Sachlichkeit wünschen, sagt Schatz. Alle sind so emotional. Vor allem beim Thema Corona.

Da hast du recht, sagt Iris.

Es sind doch diese ganzen Verschwörungstheoretiker, die die Stimmung aufheizen, sagt Frank. Und dann die Demos, die neuerdings stattfinden.

Na ja, werfe ich ein, so ganz unrecht haben die Demonstranten ja nicht, wenn sie auf das Grundgesetz pochen. 

Gabi, die eben noch eng an Frank geschmiegt halb auf dem Sofa lag, setzt sich kerzengerade auf und wirft mir einen stechenden Blick zu.

Bist du etwa auch so ein Corona-Leugner?, giftet sie.

Völlig eingeschüchtert von ihrer Reaktion, weiß ich nicht, was ich sagen soll.

Anfangs haben wir uns auch Sorgen gemacht, springt Schatz ein, aber inzwischen…

Wie kann man nur so ignorant sein?, ruft Frank, denkt ihr denn nicht an die Armen und Schwachen? Wir müssen sie schützen!

Sind die nicht von dem Lockdown noch viel stärker betroffen, als von dem Virus?, versucht Iris uns zu Hilfe zu eilen.

Ausgerechnet du sagst das, schrillt Gabi, du, die immer auf gesundes Essen pocht, die nur Biokram ist, die vegan lebt? Ausgerechnet du, leugnest die Gefährlichkeit von Corona?

Für bestimmte Menschen ist es schon gefährlich. Aber wenn man sich die Zahlen so anschaut…, melde ich mich wieder zu Wort.

Welche Zahlen? Die von den Fake-News-Medien? Das sind doch alles Rechtsradikale, schrillt Gabi weiter. Seid ihr wirklich so dumm diesen Mist zu glauben? Sie und Frank springen vom Sofa auf, rücken ihre Gesichtsmasken zurecht, die durch ihre wutverzerrten Gesichter verrutscht sind.

Das hätten wir nie von euch gedacht, sagt Frank, obwohl wir es hätten ahnen müssen. Wenn man so ganz ohne Gesichtsmaske herumläuft. Das zeigt schon, welche Gesinnung ihr habt. Ich hoffe nur, ihr steckt keine anderen an. Es wäre bedauernswert wenn wegen eurer Ignoranz Unschuldige sterben müssten. 

Mit diesen Worten stampfen er und Gabi aus dem Zimmer und gleich darauf hört man die Wohnungstür zuschlagen.

Was ist denn mit den beiden los?, fragt Iris verblüfft.

Ich nehme an: Corona-Koller, antwortet Schatz.

Und was ist mit deinen Freunden?
Whatsapp

Schlagwörter: , , ,
Simon Wald © 2020. All rights reserved.

Verfasst 26. Mai 2020 von simon in category "Satire", "Schatz und ich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.