11 April 2020

Bibelhelden und Mörder (13)

Nachmittag. Im Fernsehen läuft gerade so ein Monumentalschinken mit Charlton Heston.


Wieso spielt der Typ in Bibelfilmen mit, war der nicht mal Sprecher der Waffenlobby in Amerika?, ruft Schatz herüber. Sie hat sich in der Essecke breit gemacht und betreibt Home-Office. Ich sitze auf dem Sofa und graule Taliban.


Weiß nicht, vielleicht setzte er sich für geweihte Waffen ein.


Draußen scheint die Sonne. Unsere Balkontür ist offen.


So schönes Wetter, sagt Schatz, und wir hocken hier herum. Die Ostertage sind ruiniert.


Dafür bleiben wir am Leben. Wenn wir rausgehen infizieren wir uns und sterben.


Jetzt übertreib mal nicht. Wir gehören nicht zur Risikogruppe.


Das sind doch nur Statistiken, sage ich. Wenn Corona nicht gefährlich wäre, käme nicht so viel darüber im Fernsehen. Das ist die Rache der Natur an uns Menschen. Wir werden ausgerottet.


Du siehst zu viele Zombie-Filme.


Ich will nur vorbereitet sein.


Glaub mir, das machte sich gestern nicht so gut, als du mit Integralhelm im Supermarkt warst.


Immerhin bin ich so geschützt und stecke niemand anderen an.


Und du hast fünf Minuten gebraucht, um mit deinen dicken Motorradhandschuhen deine Bankkarte herauszuholen.


Das waren doch alles Ignoranten, die sich hinter uns in der Schlange beschwerten.


Aber wenigstens auf dem Rückweg hättest du den Helm absetzen können, nörgelt Schatz weiter.


Ich gehe eben auf Nummer sicher.


Wir saßen im Auto!


Aber mit offenem Fenster.


Trotzdem. Man muss sich wegen Corona doch nicht gleich eine vollständige Biker-Montur anschaffen.


Wieso nicht?


Du hast nicht mal einen Motorradführerschein.


Na und. Dafür schützt die Kleidung besonders gut.


Schatz schüttelt den Kopf und kümmert sich wieder um ihren Laptop. Von draußen kommt Geschrei. Ich gehe auf den Balkon. Unten tummelt sich eine Gruppe von vier Jugendlichen. Die Leute in den umliegenden Häusern stehen an den Fenstern und auf den Balkonen und rufen:

Mörder, Mörder.


Unsere Nachbarin vom unteren Stock schreit:
Ihr verantwortungslose Schweine. Ihr bringt uns alle um. Ihr seid Verräter an der Volksgesundheit.
Die Jugendlichen beachten sie nicht.


Mörder, Mörder, schreien die anderen weiter.


Was ist denn da draußen los?, erkundigt sich Schatz.


Auf der Straße stehen ein paar Kerle und unterhalten sich. Und die Nachbarn flippen deshalb aus.
Inzwischen fliegen Gegenstände in Richtung der Jugendlichen. Vor allem die Nachbarin unten beteiligt sich mit Inbrunst an dieser Attacke.


Du machst da nicht mit, Hasi, ruft Schatz gebieterisch.


Hab schon verstanden, antworte ich. Die vier Jungs scheinen es nun endlich zu kapieren. Einen hat nur knapp ein Blumentopf verfehlt. Ein Blumentopf aus Keramik, nicht aus Plastik! Er zerschellt auf den Pflastersteinen vor der Haustür.
Da kommt auch schon ein Polizei-Einsatzwagen angerast. Aber es ist zu spät, die Übeltäter sind verschwunden. Einer unserer Nachbarn, zeigt den Beamten noch, wohin sie gelaufen sind. Dann kehrt Ruhe ein. Ich setzte mich wieder auf das Sofa neben Taliban. Der hat sich zusammengerollt und schnurrt. Charlton Heston teilt gerade das Rote Meer.


Das waren noch Zeiten…

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Simon Wald © 2020. All rights reserved.

Verfasst 11. April 2020 von simon in category "Satire", "Schatz und ich

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